Stadtbäume stehen unter Folter und Stress. Dass es Lebewesen sind, vergessen wir allzu leicht. Sie sind von ihrem natürlichen Lebensumfeld getrennt und das dürfte aus Sicht der Bäume schlimm genug sein. Was sie aber als Straßenbäume oder in Wohnanlagen erwartet, ist ein Jammer. Wir fragen uns, warum ein Baum krank wird. Mit einem Schuss Empathie können wir angesichts der Gewalt, die wir unseren Bäumen antun, über deren Widerstandskraft nur staunen. Unsere Bäume stehen unter Folter und Stress und wir können diesen Zustand ändern.

Versiegelte Flächen

Baumscheibe fehlt

Viel zu oft sind Bäume ringsum versiegelt, die Böden verdichtet, ohne Aussicht auf Sauerstoffversorgung im Wurzelraum. Sie heben Bordsteine, sprengen Mauern und Straßenbeläge, um sich Luft zu verschaffen.

Hinzu kommt die Situation im Wurzelraum: Der Lebensnotwendige Gasaustausch ist wegen Sauerstoffmangels meist schwer beeinträchtigt. Kanalisation und Versorgungsleitungen weisen die Wurzeln in die Schranken. Regelmäßig werden bei Straßen- und Kanalbauarbeiten oder beim Verlegen von Versorgungsleitungen Baumwurzeln verletzt oder gleich gekappt, im schlimmsten Fall vom Bagger abgerissen.

Eine Pflanzgrube von zwölf Kubikmeter sollte bei Straßenbäumen das Minimum sein. Bei belasteten Verkehrsflächen das doppelte. Ein spezielles Baumsubstrat sorgt für die notwendige Durchlüftung des Wurzelraumes. Ein Anfahrschutz verhindert Verletzungen am Stamm beim Einparken.

Streusalz

Der Einsatz von Streusalz im Winter ist Stress für die Bäume. Die Übersalzung und Übersäuerung des Wurzelraumes mit dem einsetzenden Tauwetter können die Bäume nur schwer verkraften. Kommt dann noch eines zum anderen, ist es um den Baum geschehen.

Parkplatz oder Baum?

Anfahrschaden

Jeder Baum kostet mindestens ein bis zwei Parkplätze. So sollte es sein. Aber die Stadtplaner müssen um jeden Quadratmeter kämpfen. So entstehen Parkflächen, in die notgedrungen ein paar Bäume unterzubringen sind, mit drei Quadratmetern Baumscheibe oder gar noch weniger.

Weil das Geld fehlt, spart man sich auch noch den Anfahrschutz. Und weil die Autos immer größer werden, parken wir die Bäume zu und gehen beim Einparken sogar auf Tuchfühlung. Mehrmals im Jahr eine Macke von hinten, eine von vorne. Wie lange soll der Baum das aushalten? Jungbäume sind bei Anfahrschäden besonders empfindlich.

Baumstümmelung

Radikalschnitt am BaumUnsachgemäße Baumschnitte und Verstümmelungen sind besonders in Privatgärten alltäglich. Die Baumeigentümer geben sich allzu gerne dem Trugschluss hin, dass die Bäume schließlich wieder austreiben. Das tun sie tatsächlich.

Allerdings können nur wenige Bäume radikale Starkastschnitte effektiv verschließen. Pilze können dann in die offene Schnittwunde eindringen und die ohnehin geschwächten Bäume innerhalb weniger Jahre zerstören. Wenn sich die Schäden dann nach fünf oder zehn Jahren zeigen, werden sie in der Regel nicht mehr mit der ursächlichen Stümmelung in Verbindung gebracht.

Das zweite Eigentor bei Radikalschnitten ist der verstärkte Neuaustrieb. Die Faustregel heißt:

Je stärker der Rückschnitt, umso stärker der Neuaustrieb.

Die Natur greift genial ineinander, hilft sich selbst und reagiert auf gewaltsamen Rambo-Schnitt mit massenhaftem Neuaustrieb, um die fehlende Blattmasse möglichst schnell wieder herzustellen. Das Ergebnis: Binnen weniger Jahre wird der Baum die alten Dimensionen wieder erreichen und dabei dichter werden als vorher. Der natürliche Habitus geht verloren. Außerdem sind die Neuaustriebe nicht mehr so stabil verwachsen und daher bruchanfälliger bei Starkwind. Schauen Sie sich hierzu unser Baumpflege-Video an.

Vergessene Bäume

vergessene Robinie Ja, und das passiert tatsächlich und ist überall zu beobachten. Da wächst ein Verkehrsschild, ein Zaun oder ein anderer Fremdkörper in den Baum ein und niemand nimmt Notiz davon.

Eingewachsene Schnüre wie z.B. von Wäscheleinen, Lichterketten oder gar von Kinderschaukeln werden im Laufe der Jahre zu „Sollbruchstellen“, ohne dass es jemandem auffällt. Erst wenn der Schaden eintritt, kommen die alten Sünden zutage.

Klimawandel

Die allgemeine Erderwärmung bringt anhaltende Hitze- und Dürreperioden mit sich. Es ist eine Herausforderung für unsere Stadtbäume, sich den veränderten Klimabedingungen anzupassen. Das schaffen nicht alle Baumarten. Lesen Sie, wie wir die Folgen des Klimawandels mithilfe von Bäumen mildern können.

Versuche bringen ständig neue, aber auch „vergessene“ Baumarten hervor, die sich auf bestimmte Extremsituationen einstellen können. Den „Alleskönner“ unter den Bäumen gibt es allerdings nicht. Die ständige Konferenz der Gartenamtsleiter (GALK) gibt eine Straßenbaumliste als Empfehlung heraus und berücksichtigt dabei unter anderem auch die veränderten Bedingungen durch den Klimawandel.

2 Kommentare
  1. Hufnagel-Schwab sagte:

    ich hätte gerne ein Fachwissen.
    wenn in einem Neubaugebiet auf einer versiegelten Fläche, wie z.B. über einer Tiefgarage, Versorgungskanäle oder aus anderen Gründen mit Beton versiegelten Fläche, eine Schicht Schotter kommt, dann eine Schicht Erde und darüber Kleine Bäume, Hecken, Rasen geplant wird, darf diese Fläche als Grünfläche von den Bauherren bezeichnet werden?
    Das Wasser kann ja nicht in die Erde absichern, Wurzeln der Bäume sich nicht entfalten, aus meiner Sicht ist dies keine Freifläche, sondern eine versiegelte Fläche.
    Sehe ich dies richtig? Wir in Heidelberg drehen im mMoment einen Film über das Leben und Sterben der Grünflächen.
    Über ein Fachwissen wäre ich dankbar. Maria HS

    Antworten
    • Hans Löwer sagte:

      Da sind Sie bei einem spezialisierten Landschaftsarchitekten sicher besser beraten. Meine Sicht als Landschaftsgärtner und Baumpfleger: Nichts kann der Mensch besser als die Natur. Deshalb kann ein Dachgarten kein Ersatz für offene Flächen sein. Aber Dachgärten sind nicht versiegelt! Idealerweise wird das Regenwasser vom Substrat gespeichert und bei Bedarf abgegeben. In verdichteten Ballungsräumen ist künstliche Grünflächen oft die einzige Möglichkeit, die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern. Und die Bedeutung wird noch dramatisch zunehmen!
      Ihre Frage war aber eher die korrekte Begrifflichkeit und auch da nur meine Sicht als Gärtner, nicht als Jurist. Es ist eine künstliche Grünfläche, weil der Wasserkreislauf (mit Abstrichen) erhalten bleibt und unter menschlicher Pflege Vegetationsfläche geschaffen wird.
      Ich denke, manche Kommunen können gar nicht anders, als solche Flächen statistisch als Grünflächen zu werten, weil sie höhere Vorgaben (Land/Bund/EU) zu erfüllen haben, als ihnen bei „ehrlicher“ Wertung möglich ist.

      Antworten

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Fragen und Kommentare zu "Bäume unter Folter"

  1. ich hätte gerne ein Fachwissen.
    wenn in einem Neubaugebiet auf einer versiegelten Fläche, wie z.B. über einer Tiefgarage, Versorgungskanäle oder aus anderen Gründen mit Beton versiegelten Fläche, eine Schicht Schotter kommt, dann eine Schicht Erde und darüber Kleine Bäume, Hecken, Rasen geplant wird, darf diese Fläche als Grünfläche von den Bauherren bezeichnet werden?
    Das Wasser kann ja nicht in die Erde absichern, Wurzeln der Bäume sich nicht entfalten, aus meiner Sicht ist dies keine Freifläche, sondern eine versiegelte Fläche.
    Sehe ich dies richtig? Wir in Heidelberg drehen im mMoment einen Film über das Leben und Sterben der Grünflächen.
    Über ein Fachwissen wäre ich dankbar. Maria HS

    • Da sind Sie bei einem spezialisierten Landschaftsarchitekten sicher besser beraten. Meine Sicht als Landschaftsgärtner und Baumpfleger: Nichts kann der Mensch besser als die Natur. Deshalb kann ein Dachgarten kein Ersatz für offene Flächen sein. Aber Dachgärten sind nicht versiegelt! Idealerweise wird das Regenwasser vom Substrat gespeichert und bei Bedarf abgegeben. In verdichteten Ballungsräumen ist künstliche Grünflächen oft die einzige Möglichkeit, die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern. Und die Bedeutung wird noch dramatisch zunehmen!
      Ihre Frage war aber eher die korrekte Begrifflichkeit und auch da nur meine Sicht als Gärtner, nicht als Jurist. Es ist eine künstliche Grünfläche, weil der Wasserkreislauf (mit Abstrichen) erhalten bleibt und unter menschlicher Pflege Vegetationsfläche geschaffen wird.
      Ich denke, manche Kommunen können gar nicht anders, als solche Flächen statistisch als Grünflächen zu werten, weil sie höhere Vorgaben (Land/Bund/EU) zu erfüllen haben, als ihnen bei „ehrlicher“ Wertung möglich ist.

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