GroßbäumeKlimawandel unter Bäumen? Nein, das ist kein Roman. Es ist ein Strohalm, der uns die Auswirkungen des Klimawandels erträglicher macht, manchen vielleicht sogar das Leben rettet.

Keine Angst, ich werde das Schreckensszenario jetzt nicht wiederholen, das uns die Klimaforscher seit Jahren prophezeien, wenn wir uns nicht bessern. Und das werden wir nicht, jedenfalls nicht freiwillig. Das zeigt die Erfahrung. Jeder ist dagegen aber keiner will zurückstecken. Also: Rüsten wir uns gegen subtropische Verhältnisse, abwechselnd mit Dürreperioden und extremen Wetterereignissen.

Dass Bäume die Folgen des Klimawandels mildern können, steht außer Frage. Und doch behandeln wir sie als (notwendiges) Übel. Lesen Sie, wodurch unsere Stadtbäume Folter und Stress ausgesetzt sind.

Flucht aus den Großstädten

New YorkDie Ballungszentren trifft es zuerst: Die Hitze in den Betonwüsten wird unerträglich. Smog kommt hinzu. Das Großgrün als grüne Lunge könnte Schatten spenden, Sauerstoff produzieren, ein angenehmeres Kleinklima schaffen – wenn wir die vielen Bäume nur hätten.

Die Folgen sind absehbar: Die Menschen werden die ödesten Großstädte zuerst verlassen und hinaus auf Land ziehen. Ins Grüne! Verlassene Dörfer werden wieder attraktiv, neu belebt von den Nachkommen derer, die sie fünfzig Jahre zuvor verlassen haben.

Was können wir tun?

Dass wir unser Leben ändern müssten, ist jedem klar – eigentlich und irgendwie. Weniger Fleischverzehr, weniger reisen, bewusster leben. Kurz: den grünen Fußabdruck in den Griff bekommen.

Da das keiner tut, müssen wir der Erderwärmung mit all ihren Unbilden ins Auge sehen. Konkrete Gefahren verlangen nach konkreten Lösungen. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungsdrucks auf unsere Ballungszentren ist das eine Herausforderung für die Städteplaner: Sie müssen wachsenden Flächenbedarf mit den Anforderungen auf den Klimawandel zusammen bringen.

Der Deutsche Städtetag hat u.a. einige Lösungen formuliert, die mir besonders aufgefallen sind:

  • Schaffung von Retentionsflächen
  • Entsiegelung bebauter Flächen
  • Anlage von „grünen Lungen“
  • Fassaden- und Dachbegrünungen
  • Schärfung des Bewusstseins in der Bevölkerung

Lesen Sie hier die Studie des deutschen Städtetags über die Anpassung der Städte an den Klimawandel

Das Helmholtz-Zentrum Potsdam stellt hier weitere Lösungsvorschläge bereit.

Schaffung von Retentionsflächen und Entsiegelung

Sintflutartige Regenfälle, wie wir sie in den letzten Jahren immer öfter erlebten, werden zunehmen. Keller unter Wasser, Straßen überschwemmt und unpassierbar, das Regenwasser läuft ungenutzt ab. Es ist das Ergebnis fehlenden Umweltbewusstseins. Wir verdichten, versiegeln und opfern Ressourcen für das „Wachstum“.

Retentionsflächen nehmen das Wasser auf, das die Kanalisation nicht fasst. Das können groß angelegte Gräben in Verbindung mit Seen oder Auen sein oder kleinräumig verteilte, multifunktionale Parzellen, die zur Flutung vorzusehen sind, z.B. Parks und sonstige Grünflächen, Grill-, Spiel- oder Parkplätze.  Diese Flächen geben das Wasser kontrolliert wieder ab, sodass ein Puffer entsteht. So bleiben Verwüstungen durch Überschwemmung die Ausnahme und das kostbare Wasser kann anschließend verwendet werden.

Versiegelte Flächen sind aufzubrechen, wo es möglich ist. Parkplatzflächen werden mit breiten Fugen verlegt, in denen bei entsprechendem Unterbau das Wasser versickern kann.

Die beliebten Schotterbeete in den Vorgärten heizen sich auf und bieten keinerlei Puffer bei Starkregen. Einige Städte verbieten solche Steinwüsten bereits. Eine bodendeckende Bepflanzung nimmt mehr Wasser auf und hilft im kleinen Rahmen, Extemsituationen zu bestehen.

Anlage von grünen Lungen

StadtparkGroße Parks, Stadtwälder und Grünanlagen dienen nicht nur der Erholung. Sie werden in Zukunft überlebenswichtig sein. Es sind Kleinklima-Oasen, die durch die Verdunstungskälte messbar kühler sind als Betonwüsten und aufgrund ihrer Sauerstoff-Produktion und Ihrer Wirkung als Luftfilter wahre Wunder vollbringen.

Alleen, die in den letzten 50 Jahren aus Kostengründen gefällt oder gar nicht angelegt wurden, werden an Bedeutung gewinnen. Nicht nur auf Überlandstraßen, sondern besonders in den Ballungszentren. Jeder sucht den Schatten, aber die wenigsten Bürger möchten die Bäume vor ihrer Haustür haben. Hier ist eine Bildungsoffensive notwendig, die den Menschen die Notwendigkeit von Großgrün in den Städten begreiflich macht.

Fassaden- und Dachbegrünung

Dachgärten sind Heute in ihrem technischen Aufbau ausgereift und immer beliebter. Auch hier geht es nicht nur um optische Maßnahmen um des Grüns willen. Vielmehr dienen sie als Puffer bei Starkregen, weil Dachgärten Wasser aufnehmen und über die Pflanzen langsam wieder abgeben können. Außerdem mildern sie die Aufheizung in Hitzeperioden ab.

FassadenbegrünungDie Begrünung von Hausfassaden ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Was vor 100 Jahren beinahe selbstverständlich war, gilt heute als „unsauber“. Die Angst vor Insekten, die über das Fassadengrün in die Wohnung kommen könnten, ist immer noch größer als die Erkenntnis, dass z.B. ein Wilder Wein an der Südseite viel effizienter kühlt als jede Kunststoff-Isolierung. Ganz abgesehen vom Aufwand und von der kleinklimatischen Bedeutung.

Bäume mildern den Klimawandel

PlatanenalleeIch gebe mich keiner Hoffnung hin, dass wir die Erderwärmung aufhalten könnten. Aber zumindest Vorsorge können wir treffen, die Auswirkungen zu mildern. Unter Bäumen ist der Klimawandel erträglicher.

Anhand von Fakten will ich Ihnen aufzeigen, was Bäume leisten. Besonders in unseren Ballungsräumen sieht man im Großgrün nicht nur einen Kostenfaktor, sondern erkennt immer mehr den praktischen Nutzen:

  • Milderung von Temperatur-Extremen, insbesondere die Kühlung bei Hitzeperioden
  • Die Reduzierung der Windgeschwindigkeiten durch Bäume und Hecken reduziert auch die Sturmschäden
  • Hecken und Bäume sind die Lebensgrundlage vieler Tiere und Mikroorganismen
  • Parks steigern die Lebensqualität durch Sport, Spiel und Erholung
  • Die Filterung von Feinstaub ist mess- und fühlbar
  • Pufferwirkung durch Wasserspeicherung, besonders bei Starkregen

Großbäume – die Klimaanlage für die Stadt

Baumkrone PlataneDie häufigen Stürme, Starkregen und Hitzeperioden der letzten Jahre zeigen einen eindeutigen Trend: In den nächsten Jahrzehnten müssen wir mit extremen Wetterereignissen leben.

Den Großbäumen kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Nehmen wir als Beispiel einen erwachsenen Laubbaum von 20 Metern Höhe, vielleicht eine Platane, eine Eiche, Buche oder Esche (Quelle: Vester 1987 nach Kalusche S. 277, veröffentlicht in „Rathaus & Umwelt“ 10/96, Ausgabe 1/96):

  1. An heißen Sommertagen verdunstet ein Großbaum bis zu 400 Liter Wasser pro Tag. So sorgt der Baum nicht nur für angenehm feuchte Luft, was besonders Astmatikern, Allegikern, kranken und alten Menschen zugute kommt.
  2. Durch die Verdunstungskälte sinkt die Umgebungstemperatur nur geringfügig. Aber jeder kennt die angenehme Kühle unter Großbäumen bei sengender Hitze. Die gefühlte Temperaturabsenkung im Schatten der Bäume ist wesentlich größer als die messbare.
  3. Dichte Baumbestände wirken wie ein grober Kamm, der die Windspitzen bricht und verlangsamt. Das ist besonders wichtig in Zonen, die durch enge und hohe Bebauung einem Düseneffekt ausgesetzt sind. In Zukunft müssen „strategisch“ gepflanzte Baumgruppen und Alleen das schlimmste verhindern.
  4. Bei Starkregen halten Großbäume das Wasser zurück und geben es verzögert ab. Das klingt unbedeutend. Aber wir müssen anerkennen, dass jeder Kubikmeter zählt, der temporär festgehalten wird. Wir kennen alle die Bilder von überfluteten Straßen, von ganzen Stadtteilen mit vollgelaufenen Kellern. Offene Pflanzflächen, Hecken und Bäume können Wasser aufnehmen wie ein Schwamm.
  5. Eine 15 Meter breite Baumkrone kann leicht 150 qm Schatten spenden. Das ist besonders in eng bebauten Straßenzügen wichtig, wo sich Asphalt und Hausfassaden extrem aufheizen. Aber gerade dort ist kaum Platz für Bäume. Ganz sicher werden wir noch zu der Erkenntnis kommen, dass wir zugunsten unserer grünen Klimahelfer auf einige Parkplätze verzichten müssen.

Sauerstofflieferant

RosskastanieWir Menschen verbrauchen etwa 44 Liter Sauerstoff pro Stunde. Eine 100-jährige Buche produziert bei optimalen Bedingungen pro Stunde bis zu 8 000 Liter Sauerstoff. Rund 1000 Quadratmeter Blattfläche bewirken dieses Wunder.

Bäume binden das Treibhausgas Kohlendioxid und wandeln es mithilfe des Sonnenlichtes in Sauerstoff um. Diese „Maschine“ braucht aber gute Bedingungen und optimale Pflege, um arbeiten zu können. Lesen Sie weiter unten, mit welchen Extrembedingungen unsere Stadtbäume klarkommen müssen.

Feinstaubfilter

Der Schadstoffgehalt in der Luft kann durch Großbäume erheblich reduziert werden. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen, deren Verallgemeinerung bzw Übertragung auf andere Situationen m.E. jedoch nicht belastbar ist. Klar ist, dass der Feinstaub im Nahbereich dicht belaubter Alleen um bis zu 70% geringer sein kann als in Straßenzügen ohne Bäume.

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Hans Löwer
Author: Hans Löwer

Dieser Beitrag stammt von Gärtnermeister Hans Löwer.

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